Interessanter Quervergleich
Orientierungsläufer treffen beim Swiss Snow Walk & Run in Arosa auf Duathleten und Bergläufer Schneelauf als Event mit Perspektiven?
Wetterkapriolen hat es gewiss schon immer gegeben. Im Winter 2010/11 ist es eher eine Achterbahn, die den Ausdauersportlern den Trainingsalltag besonders mühevoll werden ließen. Während in Deutschland Ende November bereits lang anhaltende Schneefälle Bahn-, Straßen- und sogar Flugverkehr zeitweise lahm legten, gab es in den eher schneesicheren Alpenregionen partiell sogar Schnee als Mangelware. Hier mussten traditionelle Laufveranstaltungen wegen Schnee- und Eispassagen abgesagt werden, dort fanden Wintersportler nur geringe Schneeauflagen für ihren Sport. LKWweise musste der weiße Untergrund herangekarrt werden, Schneekanonen taten ein Übriges. Nicht unbedingt die umweltfreundlichste Art und Weise für den weißen Sport.
Mit diesen Wetterkapriolen mussten auch die Verantwortlichen des Swiss Snow Walk & Run Anfang Januar in Arosa kämpfen. Plötzlich aufkommende Föhnwinde und Temperaturen selbst nachts im Plusbereich ließen die Wettbewerbe zu einer überaus schwierigen Herausforderung für die knapp 1400 Teilnehmer beim Ausdauer-Spektakel im Wintersportort unweit von Chur werden. Kräftige Windböen und beginnende Schneeschmelze führten sogar zum Ausfall des auf die 2 400 m hoch gelegenen Sattelhütte führenden Crazy Run über 19,2 km, so dass die hier gemeldeten Teilnehmer auch die Halbmarathondistanz mit dem Kulminationspunkt Carmennahütte auf 2135 m Höhe unweit der Mittelstation der Weisshorn-Bergbahnen laufen mussten. Schon alleine deshalb wurde dieser Halbmarathon-Wettbewerb zum Hauptereignis der Veranstaltung, die sich mehr und mehr zu einem Quervergleich der Ausdauerathleten mehrerer Sportarten entwickelt und mittelfristig dem ursprünglich als Walking-Event gegründeten Anlass den Rang abzulaufen droht.
Mit Matthias Merz gewann einer der weltbesten Orientierungsläufer diesen interessanten Quervergleich zwischen Bergläufern, Duathleten und Orientierungsläufern. 1:27:48 Stunden benötigte der 26jährige aus Beinwil am See für die Halbmarathondistanz und einer Höhendifferenz von 400 Metern (kumuliert 650 Höhenmeter) und lag damit klar vor dessen Landsmann Gabriel Lombriser (1:29:26) und dem dreifachen deutschen Berglaufmeister Timo Zeiler, der bei seinem ersten Start für die MTG Mannheim in 1:31:03 Stunden als Dritter den Powerman-Weltmeister und Duathlon-Europameister Andy Sutz in Schach halten konnte.
Matthias Metz attackierte bergab erfolgreich
„Bergauf war ich sicherlich der stärkste Läufer“, gestand Bergläufer Zeiler nach seiner ersten Formüberprüfung im neuen Jahr, „aber bergab sind mir Matthias Merz und auch Gabriel Lombriser immer wieder weggelaufen. Aber insgesamt bin ich mit meinem Abschneiden sehr zufrieden, weil ich weiß, dass ich mit dieser Kraftausdauer-Belastung auf dem richtigen Weg bin“. So sieht das übrigens auch OL-Läufer Metz. „Ich habe meine Chance bergab nutzen müssen, weil ich gesehen habe, dass Timo bergauf einfach stärker war“. Der Weltklasse OL-Athlet liebäugelt zwar hier und da mit dem Berglauf, doch nur dann, „wenn es hineinpasst“. Selbst in der Schweizer Laufszene ist Matthias Merz kein Unbekannter, schließlich wurde er 2008 sogar Schweizer Crossmeister. Trainingsmässig unterscheiden sich die OL-Cracks stark gegenüber den Bergläufern und Duathleten, das kam in den Gesprächen am Rande immer wieder deutlich heraus. „Wir sind im Winter bestrebt, das Niveau zu halten“, gesteht Matthias Merz, der eine 60-Prozent-Anstellung als Bau-Ingenieur ausübt, um sich auf den Orientierungslauf zu konzentrieren. „Selbst in den Phasen der Grundlagenausdauer sind wir bemüht, auch flotte Intervalle in das Programm einzustreuen“. Das kam Matthias März auf den langen Bergabpassagen zupass, denn hier hatte er im Nu einen beträchtlichen Vorsprung auf die gewiss starke Konkurrenz an der Spitze herausgelaufen. „Bergablaufen kann ich einfach, das sind vielleicht die Stärken von uns Orientierungsläufern im Vergleich zu Bergläufern“.
Powerman-Champion mit zusätzlicher Neigung für Bergläufe
Andy Sutz nahm seine erste Standortbestimmung im Winter eher locker. „Ich hatte heute schwere Beine, weil mir derzeit einfach noch die Grundlage fehlt, um gegen die starke Konkurrenz bestehen zu können. Für mich war es natürlich ein tolles Training“. Der 30jährige Powerman-Champion aus Schaffhausen setzt nach einer langen Saison 2010 derzeit auf einen grundsoliden Aufbau, der ihn allerdings schon in wenigen Tagen zu einem fünfwöchigen Trainingsaufenthalt nach Thailand führen wird. „Wir trainieren im Norden abseits der Touristenströme und haben dort ideale Verhältnisse für das Radfahren“. Für den Weltklasse-Duathleten stehen bereits im April die Kurzdistanz-Europameisterschaften in Irland auf dem Programm, schließt aber auch den einen oder anderen Berglauf nicht aus, darunter auch die Berglauf-EM in Bursa/ Türkei.
Katrin Thürig: „Kurzweiliges Rennen vor genialer Kulisse“
Eine kuriose Situation nutzte die 17fache OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder (Schweiz).zum letztlich klaren Sieg bei den Frauen in 1:41:34 Stunden. Wegen der großen Beteiligung gab es zwei Startgruppen, die im Abstand von fünf Minuten gestartet wurden. Die in der ersten Startgruppe gestartete Karin Thürig Schweiz), mehrfache WM- und Olympiastarterin im Duathlon und Bahn- und Zeitfahren im Radsport, unterlag in diesem eher ungleichen Vergleich gegen das glänzend aufgelegte OL-Ass in der Verfolgung mit letztlich neun Minuten Rückstand. Die 32jährige Niggli-Luder lässt sich ohne Abstriche als Ausdauer-Phänomen bezeichnen, denn im September 2010 lieferte sie als Zweite beim Jungfrau-Marathon hinter der auf Weltklasse-Niveau laufenden Simona Staicu (Ungarn) eine überaus starke Leistung im Bergmarathonbereich ab. Zwischen die beiden Topathleten schob sich mit Ines Brodmann mit 1:46:54 Stunden ein weiteres OL-Ass.
„Für mich konnten die Bedingungen kaum unterschiedlicher sein. Ich kam eigentlich nicht so gut zurecht, zumal ich noch in dieser Woche erkältet war“, so Simone Niggli-Luder im Ziel. „Eigentlich wollte ich den Crazy Run laufen, doch dieser ist leider gestrichen worden“. In Begleitung ihres Mannes Matthias Niggli, der zugleich OL-Nationaltrainer ist, rollte sie aus der zweiten Startgruppe das Feld als Verfolgerin auf. Mit Erfolg, wenngleich auch Katrin Thürig in diesem „kurzweiligen Rennen vor einer genialen Kulisse“ ihren Spaß hatte.
Aus einem reinen Walking-Event kann künftig ein attraktives Laufangebot werden
Entspannt konnte letztlich auch ein OK-Präsident Daniel Durrer ein erstes Fazit ziehen, denn nach den Turbulenzen der letzten Tage mit dem kräftigen Föhn und dem einsetzenden Tauwetter meisterten die 200 Helfer alle Probleme reibungslos. Selbst der Shuttlezug aus Chur, der wegen eines Defektes nicht rechtzeitig eintraf und eine einstündige Verlegung des gesamten Wettbewerb-Programms zur Folge hatte, konnte die positive Grundstimmung im Wintersportort nicht trüben. „Trotz des Tauwetters hatten alle Starter hervorragende Bedingungen auf der Strecke. Schade, dass der Crazy Run nicht durchgeführt werden konnte, aber bei Windgeschwindigkeiten bis 100 Stundenkilometer wäre das unmöglich gewesen. Die Entscheidung haben wir einmütig getroffen“.
Gewinner des erst zum dritten Male mit Läufern bestückten Events dürften eindeutig die Läuferinnen und Läufer sein, denn mit nahezu 50 Prozent Anteil ist dies für Durrer und Co. in Arosa eine Orientierung für die Zukunft. „Der Halbmarathon wird künftig unser Hauptwettbewerb sein“, sieht sich der OK-Präsident bereits für die kommenden Jahre bestens aufgestellt. „Ich denke, dass wir viele Läufer auch im Winter in die Alpen locken können. Schließlich ist Laufen eine Ganzjahresdisziplin geworden!“ Aus dem eigentlichen Walking-Festival mit einstmals bis zu 2200 Walkern ist längst eine attraktive, mehrgleisig aufgestellte Veranstaltung geworden, die sich vornehmlich breitensportlich orientiert, wenngleich die Topstars wie Simone Niggli-Luder, Katrin Thürig, Andy Sutz oder Timo Zeiler das Salz in der Suppe letztlich ausmachen.
Mit dem Swiss Snow Walk & Run in Engelberg, der am 19. Februar durchgeführt wird, haben die Aroser Organisatoren einen gleichwertigen Partner an der Seite, mit dem auch „Swiss Snow Trophy“ aus der Taufe gehoben wurde. „Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als gute Partner“, wehrt Daniel Durrer voreilige Schlüsse ab. „Es gibt bereits Anfragen aus anderen Schweizer Wintersportorten oder auch aus Oberstdorf, die sich gerne an einer Ausweitung beteiligen würden. Wir sehen hier vorrangig infrastrukturelle Probleme, die erst einmal beseitigt werden müssten, bevor wir uns erweitern!“
„Tour de Snow“ in Arosa? Modell eines Team-Wettbewerbs zwischen Orientierungsläufern, Duathleten/Triathleten und Bergläufern
Wenn es den Machern im noblen Wintersportort Arosa gelingt, den Quervergleich zwischen Orientierungsläufern, Duathleten/Triathleten und Bergläufern über die Einzelkonkurrenz auch als Team-Wettbewerb zu installieren, wäre dies sicherlich ein Anlass, der vielleicht nicht auf Anhieb wie die „Tour de Ski“, aber noch mehr Spektakel bedeutet als dies ohnehin bereits ist. Die Alpe Cermis könnte dann an der Tschuggenhütte liegen, ein Team- Sprint würde als ergänzendes Spektakel auf dem zugefrorenen Obersee auch für die weniger mobilen Zuschauer von höchstem Interesse ein. Und medienspektakulär allemal. Kontakte zur namhaften Szene jedenfalls haben die Macher in Arosa bereits jetzt schon. Ein Event (mit dem unfertigen Arbeitstitel) „Tour de Snow“ jedenfalls ist eine Diskussion wert!
An (deutschsprachigen) Journalisten hat es ehedem bei der 7. Auflage nicht gemangelt, die bezeichnenderweise vorrangig aus Deutschland kamen. Ob Bild- oder Textjournalisten, sie alle waren begeistert vom Schneespektakel und werden gewiss ein weiteres Mal „zur Arbeit“ in die Bergwelt von Arosa fahren. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich hier ein spektakulärer Vergleich zwischen den Nationalteams der Fachverbände aus der Schweiz, Deutschland und Österreich oder zwischen Firmenteams mit namhaften Athleten installieren lässt “, so Wilfried Raatz, der Nationalcoach der deutschen Bergläufer. „Über die Modalitäten ließe sich sicherlich reden, aber interessant wäre dies allemal und ein unbedingtes Highlight für Arosa!“